Donnerstag, 16. September 2010

Benedikt

Weil der Papst den tausendfachen Missbrauch, die Priesterherrschaft der Pädophilen über die Masse der Wehrlosen, nicht als strukturelle Sünde seiner Kirche begreift, sondern – und hier muss man den Atem anhalten – als Tatbeweis für die Verkommenheit der gottlosen Welt (vgl. auch Christian Geyer in der FAZ vom 22.3.2010).

Diese Verdrehung klingt so unglaublich, dass man sie wiederholen muss: Der Papst versteht die Taten seiner Priester gleichsam als index veri – als diabolischen Ausdruck der sittenlosen Moderne. Die Gewalt ihrer sexuellen Revolution, so muss man ihn verstehen, hat die alte Weltordnung in einen Sündenpfuhl verwandelt, ja schlimmer noch: Sie hat den unschuldigen Leib der Kirche mit der Teufelssaat des sexuellen Begehrens infiziert. Überall, selbst im stockkatholischen Irland, sprangen die Funken der babylonischen Moderne über und verführten den züchtigen Klerus zur Sünde wider den Heiligen Geist. Oder wie der Schriftsteller Martin Mosebach, Benedikt auf ganzer Linie verteidigend, in einem Interview sagt: »Wir müssen uns fragen, wieso es gerade in den unmittelbar auf das Zweite Vatikanische Konzil folgenden Jahren gehäuft zu Sexualstraftaten von Priestern gekommen ist.« Und wieso? Weil von der »innerkirchlichen 68er Revolution« die priesterliche Disziplin gezielt verdrängt worden sei. »Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil legten die meisten Priester die Priesterkleidung ab, sie hörten auf, täglich die Heilige Messe zu feiern, und sie beteten nicht mehr täglich das Brevier. Was Wunder, wenn viele Priester in diesen Jahren sich nicht mehr in überlieferter Weise als Priester empfinden konnten.«

Hier die unschuldige, die sakrosankte Kirche, dort der linke Antichrist: Kirchenhistorikern ist dieses dualistische Narrativ sattsam bekannt, denn es stammt aus einer Zeit, als die Kirche sich schon einmal vom »Großen Satan« herausgefordert fühlte. Im Jahre 1910 zwang Papst Pius X. (1835 bis 1914) alle Priester und Seelsorger, den Antimodernisten-Eid abzulegen; sie mussten bei Strafe der Exkommunikation schwören, sich niemals mit demokratischen »Selbsterlösern« einzulassen, mit jener »Verschwörung« aus Atheisten, Naturwissenschaftlern und Fortschrittsfreunden, die das Paradies auf Erden errichten und sich von der Erbsünde erlösen wollten. Anstatt vor ihnen zu Kreuze zu kriechen, so Pius X., solle die Kirche einfach warten, bis die frevelhafte Neuzeit (»ein Irrtum«) an sich selbst zugrunde gehe.

1 Kommentar:

Watzenböck hat gesagt…

Sollte Papst Benedikt seinem Vorgänger auf diesem Weg folgen wollen, dann würde er sich in einem doch sehr täuschen: Denn anders als der Unfehlbare glaubt, wird die mediengetriebene Öffentlichkeit den Austritt der Kirche aus der Geschichte mit viel profanem Weihrauch begrüßen. Aber sie täte es nicht aus Bewunderung, sondern aus Gründen der Selbstbestätigung. So wie die Zivilisation den Wilden brauchte, um sich zivilisiert zu fühlen, so braucht die Gesellschaft die klerikale Orthodoxie, um am Ende ihre Überlegenheit, ihre moralische Superiorität zu bestätigen. Ist die von Selbstzweifeln geplagte Moderne – verglichen mit dem katholischen kingdom of darkness – nicht eine Quelle von Licht und Freiheit?

Wer all das nicht will – wer den Katholizismus nicht aus der Geschichte entlassen möchte; wer nicht will, dass der Vatikan im Neoklerikalismus erstarrt und unfreiwillig die Entchristianisierung Europas vorantreibt –, dem bleibt nur eins: Er muss sich in frommem Ungehorsam üben, in religiöser Dissidenz. Die Rebellion gegen den Vatikan, so der katholische Moraltheologe Dietmar Mieth, kann sofort beginnen, zum Beispiel mit einem Aufstand gegen den Zölibat. »Wenn sich morgen fünf Bischöfe zusammentäten, um verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, würde überhaupt nichts passieren.«